Mittwoch, 15. Februar 2023

Die Heuschrecke

Mittwoch, 12.24 Uhr

Karl-Friedrich von Braunstein hatte sich ein Glas Chardonnay aus dem Kühlschrank seiner Laborhalle geholt. Jetzt saß er zufrieden auf der Metalltreppe, die in sieben Stufen zu seinem Insektenreich führte. Die im Bedarfsfall klimatisierte Halle war vollgestellt mit kleinen und riesigen Käfigen und Terrarien, in denen es quiekte, raschelte und grunzte. An einer Wand standen Schränke mit tausenden präparierter, aufgespießter Insekten  Einige Meter neben dem Eingang hatte Karl-Friedrich seinen riesigen Arbeitstisch, auf dem er den Fang der letzten drei Tage abgelegt hatte. Hinter einem Vorhang stand ein Bett neben einer Dusche, denn Karl-Friedrich kam manchmal spät von seinen Touren oder arbeitete bis spät in die Nacht. 

Mit seiner Frau Dia, einer im klassischen Sinn schönen, schwarzhaarigen Portugiesin, die bis zu ihrer Ringbandstenose Konzerte in Europa gegeben hatte, frühstückte er hin und wieder gemeinsam. Sie hatte mit ihrer Musik auch ihr eigenes Leben. In ihrem Musikzimmer stand ein weißer Flügel und sie hörte ausgestreckt in ihrer Corbusier-Liege klassische Konzerte aus acht großen Teufel-Boxen. Wände und Decke waren vollständig beklebt mit Eierkartons, die in verschiedenen, sanften Grüntönen bemalt eine meditative Ruhe verströmten. Zur Zeit schwebten Akkorde des letzten Satzes von Beethovens Neunter zu Charlie, wie sie ihn nannte, herüber. Das passte zu seiner Stimmung.


Von Braunstein war ein bekannter Entomologe mit dem Spezialgebiet Orthopterologie. In den Wäldern Südthailands soll eine bisher unbeschriebene Riesenheuschrecke gesichtet worden sein, die Karl-Friedrich zu finden hoffte. Ein weiteres Tier zu entdecken, das seinen Namen trägt, trieb ihn in die Wälder und Felder. Tagelang hatte er im Regenwald auf Lichtungen seinen Kescher herumgewedelt und abends im Zelt seinen Fang begutachtet. Gestern glaubte er, ein großes Insekt gefangen zu haben, das ihm unbekannt vorkam und das er in eine Botanisiertrommel steckte, da es für die normalen Transportgläser mit Schnappdeckel zu groß war. 



Karl-Friedrich stellte das Weinglas auf den Tisch, zog seine verschwitzte Kleidung aus und nahm nur eine Shorts. Schweissperlen bildeten sich auf seiner breiten Brust. Er schaltete im vorderen Bereich der Halle die Klimaanlage auf mittlere Stufe. Nach einer halben Stunde hatte er die großen und kleinen Schlangen und Reptilien in den Terrarien begutachtet und versorgt. Anders als seine Insekten benötigen diese exotischen Kriecher wochenlang kein Futter, wenn sie genug zu Trinken haben. Vom kleinen See hinter dem Haus hatte von Braunstein Leitungen mit Zeitschaltuhren zu den wechselwarmen Tieren legen lassen.


Mittwoch, 13.22 Uhr

Karl-Friedrich legte die gummierte Pinzette auf die Arbeitsfläche, daneben eine Spritze mit sehr feiner Kanüle, stellte eine Petrischale mit Aceton daneben und öffnete vorsichtig die Botanisiertrommel. Als er das Gefäß kippte, rutschten der mit etwas Chloroform getränkte Wattebausch und das große Insekt heraus. Das Tier war offensichtlich  ausreichend betäubt worden. Der Wissenschaftler schwenkte die Lampe mit dem Vergrößerungsglas beiseite und beugte sich lächelnd zu der großen Orthoptera mit ihrem schwarzbraunen Körper, den langen Hinterbeinen und dem ungewöhnlich großen Kopf mit den gefährlich aussehenden Beisswerkzeugen. Ob Insekten einen ansehen, ob sie schlafen oder tot sind, ist nicht zu erkennen, weil sie keine Augenlider haben.

Als von  Braunstein mit der Pinzette das Insekt ein wenig zu sich herum schieben wollte, sprang es ihm ins Gesicht und biss ihn zuerst ins linke und dann ins rechte Auge. Der Mann griff sich ins Gesicht, packte das Tier und knallte es auf den Tisch, wobei das festgebissene Insekt einen Teil seines Auges herausriss. Karl-Friedich sah nichts und spürte, wie ihm etwas Glibberiges über das Gesicht lief. Im gleichen Augenblick entstand im hinteren Bereich der Halle Lärm. Es hörte sich nach heftigen Schlägen an, nach splitterndem Glas, krachendem Holz und Umfallen von Möbeln. Der verletzte, halbnackte Wissenschaftler konnte nicht sehen, wie Varane, Kaimane und Krokodile mit ihren gewaltigen Schwanzschlägen ausgebrochen waren, Käfige und Terrarien zertrümmerten und alle gefangenen Tiere befreiten. Er konnte nicht sehen aber spüren, wie eines dieser großen Reptilien sein linkes Bein packte und ihn vom Stuhl riss. Andere machte sich schmerzhaft an seinen Armen und am Bauch zu schaffen und er spürte einen Biss am Hals. Das Gift der Cobra wirkte sofort. Der Gepackte und Gebissene hatte nur noch wenige Schmerzen als er die Treppe hinunter gezerrt wurde und sein nackter Rücken auf die Stahlstufen schlug. Wie durch ein geheimes Signal gerufen kamen viele Tiere des Waldes und der Savanne herbei oder standen bereits an der Treppe. Sogar ein malaiischer Sonnenbär und ein Geier warteten. Gemeinsam schleife man den Halbtoten tief in den Urwald, der das Haus umgab. 

Dia hatte Beethovens Fünfte aufgelegt.

 

Mittwoch, 16.10 Uhr

Ein Tiger war kurz im Gestrüpp zu sehen und hatte sich mit einem abgerissenen Arm wieder zurückgezogen. Der großer Kaiman war bei dem Bein geblieben, das er schon in der Halle gepackt hatte. Er drehte sich in Krokodilart ein paarmal herum, biss und zerrte und verschwand in Richtung See.

Als die Würmer und Millionen Feuerameisen und andere Insekten zu einem rotbraunen, wabernden Berg über der zerfetzten Leiche wurden, verzogen sich die anderen Tiere.

Abends war nur noch das lädierte Skelett zu sehen. Ein Monsunsturm in der Nacht ließ Blätter und Äste herabfallen und den Ort des Grauens bedecken.


Freitag, 10.15 Uhr

Thong, der Biologiestudent am Chulabhorn Graduate Institute in Bangkok, assistierte dem engagierten Adeligen aus Deutschland gern. In dessen Abwesenheit kümmerte er sich manchmal um die Tiere in der Halle und um eventuell herabgefallene Äste.

In der Halle schien kein Sturm, sondern ein Orkan gewütet zu haben. Wo waren die Tiere? Wer hatte alles zerstört und sie befreit. Wo war der Chef? Was bedeuteten das Tier auf seinem Schreibtisch, die umgeschüttete Petrischale und das Blut auf der Treppe? Gangster? Militante Naturschützer? Fußspuren waren nach dem Regen keine zu sehen.

Thong ging rüber zu dem zweistöckigen, weißen Haus und klingelte. Er klopfte an Türen und Fenster, aber drinnen war Dia mitten im Bolero von Ravel.

Handyempfang gab es in dieser abgelegenen Gegend nicht. Thong ging wieder in die Halle, suchte ein DIN A4-Blatt und schrieb eine Notiz mit dem Zusatz “Komme wieder morgen um 9 Uhr.“ Er klebte das Blatt ans Küchenfester, von dem der Blick auf den See ging.


Samstag, 9 Uhr. 

Thong wurde bereits von Dia erwartet. 

„Was ist los? Wo ist Charlie?“

„Karl-Friedrich ist zwar von seiner Tour zurückgekehrt. Seine Sachen hängen drinnen. Er hat auch die Tiere versorgt. Die Notiz auf dem Report-Block an der Wasserleitung zeigt das. Aber die Tiere sind weg und alles ist kaputt.“

„Wir sollten die Polizei rufen.“

„Die kommen erst, wenn wir einen Toten zeigen können.“

„Lass uns ein Stück auf die Straße fahren, da haben wir Handyempfang.“


Samstag, 11.23 Uhr

„Spreche ich mit der Polizei? Wir haben hier Blut, einen Einbruch, eine Entführung oder einen Mord.“

„Was denn nun? Einbruch, Entführung oder Mord? Gibt es einen entführten Toten?“

„Wir sind nicht die Polizei. Sie müssen kommen und das herausfinden. Es gibt ein zerstörtes Forschungslabor und Blut. Der Chef ist verschwunden.“

„Haben Sie Koordinaten? Wir brauchen etwa eine Stunde von hier. Aber erst ist Mittagspause. Wir sind etwa 14.30 Uhr da.“


Samstag, 15.17 Uhr

„War schwer zu finden.“

Die Zerstörungen in der Laborhalle wurden protokolliert. Alle Räume des zweistöckigen Hauses wurden durchsucht. Am See fand man auch keine Spuren. 

„Es wird ja bald dunkel. Wir kommen mit Hunden. Aber morgen ist Sonntag. Wir kommen am Montag.“ 

Auf dem Rückweg zur Polizeistation sagte der Polizeileutnant zu seinem Kollege: „Hast du gesehen, sie haben kein San Phra Phum. Genug Geld für ein Geisterhäuschen hätten sie sicher.“


Montag, 10.21 Uhr

Den beiden Spürhunden wurde die Kleidung von Karl-Friedrich zum Beschnüffeln gegeben. Nach einer Stunde wurde das Gerippe entdeckt. Warum ein Arm und ein Bein fehlten blieb unklar. Auch die Laborverwüstung und das Fehlen der Tiere waren rätselhaft. 

Der Student Thong hatte keinerlei Kontakte zu militanten Naturschützern und außerdem ein Alibi. Dia hatte kein Alibi aber sie schied nach intensiver Befragung als Täterin aus. Fast die gesamte Gruppe der regionalen Naturschützer befand sich auf einem Demo-Workshop zum Thema „Brandrodung“ in Kambodscha.


Mittwoch, 11.05 Uhr

Die Nachricht vom Tod des Vaters erreichte die Tochter Vera in Singapur, wo sie mit ihrem Mann Klaus Berger ein Architekturbüro für Stadtbegrünung betriebt. Sie flogen noch in der Nacht nach Thailand. Eine Einäscherung hatte Karl-Friedrich zu Lebzeiten abgelehnt. Der Familie wurde ausnahmsweise ein Begräbnis im Wald hinter dem Haus am Fuß der großen Würgefeige gestattet. 


Klaus Berger, der als Kind jahrelang Messdiener war und das Confiteor noch auswendig konnte, verlieh der kleinen Zeremonie ein wenig Liturgie. Als Mutter, Tochter und Schwiegersohn am Grab standen, bemerkte Vera das über das Grab krabbelnde Tier.

„Guck mal, das Insekt sieht genau so aus, wie das tote Tier auf Papas Tisch.“


©Manfred Spies, 2016




 











Dienstag, 7. Februar 2023

REHA-Exercise

 Training before and after the OP

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