ich wünsche dir zu deinem Geburtstag vor allem die Gesundheit, um die du kämpfst, seit wir uns vor 55 Jahren kennen gelernt haben. Es ist sehr schade, dass wir nun so weit von einander entfernt sind und uns nicht mal so eben nach einem Flug oder einer Zugfahrt sehen können. Dabei habe ich den Eindruck, dass mir der Freund umso mehr fehlt, je älter ich werde.
Marianne und dir wünschen Luck und ich das Beste, alles Wichtige und Schöne, was ihr euch selbst wünscht in dieser knapper werdenden Zeit.
Ich habe diesen Glückwunsch hier öffentlich gemacht, weil ich mit einer Verbeugung vor dir auch andere Leser - besonders aus unserer Heimatstadt Düsseldorf - auf einen Artikel über dich hinweisen möchte. Die Achtung und die Begeisterung, die aus den Worten des SPIEGEL-Journalichen spricht, hat mir sehr gefallen...
Fast amüsant beginnt diese Reise auf eine namenlose Insel in
der Nordsee, zu einer Zeit (inmitten der fünfziger Jahre, so ist
anzunehmen), als die Lokomotiven noch weiße Dampfwolken ausstoßen,
"die sich in der Luft verzettelten", als noch Pferde auf den Weiden
mit dem Zug um die Wette laufen. Doch der Ausflug nimmt schon bald
- auf der anschließenden Fahrt mit einem alten Schienenbus bis
unmittelbar ans Meer und einer abenteuer-lichen Überfahrt - groteske
Züge an und kommt in der Abgeschiedenheit eines Lungensanatoriums
vorerst zu einem beängstigenden, stets dem Tode nahen Stillstand.
"Auf der anderen Seite der Welt", so heißt der neue Roman von
Dieter Forte*. Und das heißt auch: jenseits der Zeit, weit weg von
allem, was die Nachrichten der Aufbaujahre verkünden. Der moribunde
Held versäumt schon bald, seine Armbanduhr aufzuziehen oder nachts
die Ziffern mit den Leuchtpunkten zu betrachten, dann legt er sie
ganz weg und hat sie irgendwann einfach vergessen.
Es gibt kein Radio, kein Telefon; allein ein Mitpatient, der im
Leben draußen als Börsianer gearbeitet hat, darf beim Chefarzt
gelegentlich telefonieren: für seine guten Tipps und damit er den
Kontakt zur Börse nicht ganz verliert. Doch sonst fehlt dieser Stätte alles Mondäne, jede "Zauberberg"-Atmosphäre: Es
weht eine andere, rauere Luft.
War die Lungenheilstätte bei Thomas Mann im "Zauberberg"-Roman
(1924) noch ein - hoch in den Bergen gelegener - Ort der
Gesellschaft und großen Auftritte, eine Plattform für Liebesdramen
und hochgeistige Gespräche kurz vor Ausbruch des ersten jener
beiden Kriege, die man später Weltkriege nannte, so gibt es hier,
nach dem zweiten dieser Kriege, nur noch ein Verdämmern, das pure
Pandämonium, Geisterwelt; entsprechend herab-gestimmt auch der
Erzählton, der sich allenfalls - darin ganz Thomas Mann nah - bei
der Beschwörung des Meeres und seiner bis in den Schlaf rauschenden
Brandung eine begeisterte Höhenlage erlaubt.
Gut möglich, dass der Autor dieses Romans, der in Düsseldorf
geborene, in Basel lebende Dieter Forte, 69, jetzt doch noch in den
Genuss jener Aufmerksamkeit kommt, die ihm schon lange gebührt. Die
Vorleserin der Nation, Elke Heidenreich, hat sein Buch in der
neuesten Ausgabe ihrer ZDF-Sendung "Lesen!" empfohlen - allen
Unkenrufen zum Trotz, sie lobe nur seichte Ware. Wenn das
anspruchsvolle Werk daraufhin nicht gleich auf die Bestsellerliste
geraten ist, so vielleicht nur deshalb, weil die Forte-Verehrerin
ihren Zuschauern zum Einlesen zunächst die früheren Romane des
Autors ans Herz legte.
Pech für das neue Buch, publikumspädagogisch aber korrekt: Vor
dem Hintergrund der in den neunziger Jahren entstandenen
Romantrilogie "Das Haus auf meinen Schultern" (erstmals 1999 in
einem Band zusammen-geführt) fällt der Einstieg in die Welt des
erzählerisch zerklüfteten Romans "Auf der anderen Seite der Welt"
leichter. Fortes weit ausholende und mittlerweile häufig gelobte
Familiensaga ist ein anschauliches, kraftvolles episches Werk, das
Deutschland aus Sicht von Einwanderern zeigt. Und der neue Roman
lässt sich bei aller Eigenständigkeit gut und gern als
Fortschreibung der Trilogie verstehen.
Vertraut ist Forte-Lesern vor allem der namenlose junge Mann,
der eben noch, im dritten Band des Romanzyklus, ein kleiner Junge
war und nun, zu Beginn des neuen Romans, etwa 18, 19 Jahre alt ist
und seine Heimatstadt für lange - er fürchtet gar: auf ewig -
verlassen muss.
In dieser Stadt, erkennbar Düsseldorf, haben sich in den
dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zwei von Geblüt recht
unterschiedliche Einwanderer-familien verbunden, die Familien
Fontana aus Italien und Lukacz aus Polen - deren Sprössling
ebendieser Romanheld ist, der im mittleren Band der Trilogie zur
Welt kommt.
Und in dieser Stadt hat er als Kind im Zweiten Weltkrieg in den
Bomben-nächten gezittert und um Atem gerungen, ein Trauma, das ihn -
wie auch den Autor Forte - nie mehr losgelassen hat (auch im neuen
Roman sind sie unterschwellig präsent, die "vielen Tage und Nächte,
die einmal sein Leben waren im explodierenden Todesstrudel der
Bomben, im erstickenden Tod des versagenden Atems").
Forte gehört einer Autorengeneration an, die bis heute auf
sonderbare Weise im Hintergrund geblieben, zum Teil fast schon
wieder abgetreten ist: der Generation der in den dreißiger Jahren
Geborenen, die den Krieg als Kinder erlebten. Dagegen
repräsentieren die Jahrgänge von 1926 bis
1929, die später als Flakhelfer oder gar jugendliche Soldaten des
letzten Aufgebots herhalten mussten, immer noch recht munter die
deutsche Literatur (ob nun Günter Grass, 77, Walter Kempowski, 75,
Siegfried Lenz, 78, Peter Rühmkorf, 75, Martin Walser, 77, oder
auch Christa Wolf, 75).
Manche der eigentlichen Kriegskinder aber sind längst nicht
mehr dabei, sie leben schlichtweg nicht mehr. Das mag recht
unterschiedliche Ursachen haben, Krankheit, Unfall oder Selbstmord
- es bleibt doch eine fast schon gespenstische Galerie der früh
Gestorbenen: von Thomas Bernhard (1931 - 1989), Nicolas Born
(1937 - 1979), Rolf Dieter Brinkmann (1940 - 1975) über Hubert
Fichte (1935 - 1986), Hans J. Fröhlich (1932 - 1986) und Uwe
Johnson (1934 - 1984) bis hin zu Bernward Vesper (1938 - 1971).
Fast alle haben sie den Krieg, vor allem den Luftkrieg als
verheerende Erschütterung ihrer Kindheit erlebt und darüber auch -
bisweilen an versteckter Stelle - geschrieben, wie der Österreicher
Bernhard, der die Bombardierung von Salzburg ein "mich für mein
ganzes Leben verletzendes Geschehen" nannte, so im ersten Band
seiner Autobiografie, dem er den Titel "Die Ursache" (1975) gab.
Der Untertitel "Eine Andeutung" mochte als Hinweis auf die von
Bernhard vermutete seelische Ursache der späteren Lungenkrankheit
gedacht sein, deren Folgen er in dem Band "Der Atem" (1978)
beklemmend geschildert hat: "Eine Entscheidung" (so der Untertitel
dieses Bandes) zum Leben, gegen den elenden Tod im Krankenhaus -
hin zum Schreiben. "Hier sind Bruchstücke mitgeteilt", heißt es in
dem Buch, "aus welchen sich, wenn der Leser gewillt ist, ohne
weiteres ein Ganzes zusammensetzen lässt. Nicht mehr. Bruchstücke
meiner Kindheit und Jugend."
Diese Bernhard-Worte könnten bestens das Motto für Fortes Roman
"Auf der anderen Seite der Welt" abgeben. Auch Forte hat den
Luftkrieg und die Atemlosigkeit am eigenen Leib erfahren müssen,
hat in jungen Jahren schier endlose Zeit im Sanatorium verbracht -
die Kurklinik Utersum auf der Nordseeinsel Föhr ist reales Vorbild
für das im Roman geschilderte windumtoste, von Nebeln eingehüllte
Haus -, und er hat ebenso aus der lebensbedrohlichen Erkrankung
zurück ins Leben und den Weg zur Literatur gefunden.
Sein Roman aber hat über die streng autobiografische Dimension
hinaus noch eine andere Perspektive: Er ist zugleich ein gewaltiges
Panorama und figurenreiches Gemälde der deutschen Nachkriegsepoche,
wie es so noch nicht zu lesen war.
"Das Meer lag in der tiefen Nacht in seinem schweren Atem", so
setzt der Roman ein, "in einer Stille wie vor der Geburt, während
das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag
erwartete ..." Und dieser Satz wird wie eine Beschwörungsformel
wiederholt, leitet und stimmt jedes neue Kapitel ein, gewissermaßen als literarischer
Kammerton.
Überhaupt verliert sich die Chronologie, jede Form von Bewegung
rasch in diesem Roman, denn Handlung ist in dieser Welt des
Sterbens ("Da wartet man nun auf den Tod") nicht vorgesehen. Die
Erinnerung ist ein ewiger Kreislauf von Gedanken und Bildern, und
der junge Mann erlebt nach den mörderischen Bombennächten nun zum
zweiten Mal, wie Menschen, die eben noch im Bett nebenan aus ihrem
Leben erzählen, am nächsten Morgen nicht mehr da sind.
Der namenlose Held ist der Chronist, er hört die Stimmen der
anderen. Von ihm ist nur in der dritten Person die Rede, mit einer
Ausnahme, wo das spätere Erzähler-Ich sich kurz einschaltet: "Ich
sehe die Person, die ich bin, die ihr Leben erkennt in den
ungeschriebenen Geschichten der Toten ..."
Der junge Mann aber wird überleben und am Ende auf der
Rückseite einer Fieberkurve das eigene Erzählen, sein Schreiben
beginnen - und in die ihm unverständliche Wirtschaftswunderwelt
zurückkehren: "mit dem erschrockenen Blick des Fremden, des
Nichtdazugehörenden".
Das ist die Gegenwelt: die frühe Bundesrepublik der
Aufbaujahre, denen Forte ein treffendes, heute schon wieder
wehmütig stimmendes Motto gibt: "Die Deutsche Mark ist die
Freiheitsstatue der Deutschen." Was auch Autoren wie Heinrich Böll,
Gerd Gaiser und Wolfgang Koeppen schon aus unmittelbarer
Zeitgenossenschaft zu schildern versucht haben, wird hier aus einer
größeren Distanz neu und anders erzählt.
Zugleich aber atmet dieser atemlose Roman selbst noch den Geist
der Nachkriegszeit, der Sisyphos-Welt von Camus und der
Aufbruchstimmung in den Trümmern Europas: "Unter Ruinen die
exterritorialen Inseln der versteckten Jazzkeller, ... enge Räume
hinter verbrannten Treppen und verrosteten Luftschutztüren ...
Musiker, die auf den neuen Tönen aus dem unvorstellbaren Land USA
wandelten."
Das sind die frühen Jahre, getragen von der Hoffnung auf neue
Kunst, neue Farben, neue Töne, kurz: neue Möglichkeiten. Später
kommt eine andere Realität zum Vorschein und zum Tragen: "Es war
die endgültige und unaufhaltsame Beschleunigung der Welt aus dem
Verharren heraus in die Bewegung des Geldes."
Forte zeigt seinen Helden nicht nur als Außenseiter, sondern
ebenso als intimen Zeugen des politischen und wirtschaftlichen
Geschehens - mit pikareskem Spaß. Der junge Mann nämlich arbeitet,
Jahre vor Ausbruch seiner Krankheit, als Empfangsboy mit Uniform
bei einem Düsseldorfer Unternehmen. Er steht neben den
Industriebossen, erlebt Bundespräsident Theodor Heuss in einem
stillen Moment, lauscht einer Rede von Wirtschaftsminister Ludwig
Erhard, in der die Wiedergeburt eines Waschmittels "in der Qualität
der Vorkriegszeit" gefeiert wird.
Von der Marke Persil ist die Rede, und was wie groteske
Überzeichnung wirkt, ist pure Realität, vom Autor selbst erlebt und
dokumentiert: Im Alter von 15 Jahren arbeitete Forte eine Zeit lang
bei der Firma Henkel in dem von Bomben nahezu verschonten
Düsseldorfer Werk, das mit seiner pompösen Empfangshalle Drehort
mancher Nachkriegsfilme war (so wird aus dem Empfangs- sogar
bisweilen ein Hotelboy mit kleinen Auftritten) und Ende der
vierziger Jahre sogar provisorisch den Landtag von
Nordrhein-Westfalen beherbergte.
Kuriose Geschichten aus einer fernen Zeit des Umbruchs, die
heute, in Zeiten wachsender Gefährdung des lange wie
selbstverständlich genommenen Wohlstands und Wachstums, so fremd
gar nicht mehr erscheinen wollen. Forte hat ein Auge für Verlierer,
die als Überlebende, als Sonderlinge in der "gesetzlosen
Nachkriegszeit" noch gut durchgekommen sind, später aber an den
Rand gedrängt werden.
Sein Romankosmos zerfällt schon bald in lauter Splitter und
Fragmente, führt liebevoll Einzelschicksale vor, zitiert Schicksale
wie das des einstigen Schwarzmarkthändlers und KZ-Überlebenden: "Er
leugnete alles, stritt alles ab, sagte nebbich, KZs hat es keine
gegeben, das müsste ich doch wissen, dann wäre ich als Kind ja da
drin gewesen." Aber nun lebt er hinter verdunkelten Fenstern, mag
nicht mehr hinaussehen: "Ich sehe in allen Straßen die Toten
herumlaufen, die meinen Namen rufen, denn sie kennen mich, und sie
wundern sich, dass ich noch lebe, und sie wollen wissen, wie ich
das gemacht habe, und ich weiß es doch selber nicht."
Wie Thomas Bernhard besteht auch Forte in seinem Roman darauf,
dass nur noch Bruchstücke möglich sind und keine "ausgeformte,
sinnvolle Erzählung", weil es in der geschilderten Welt keine Idee
mehr gibt, "die große Geschichten ermöglichte und zusammenhielt".
Am Ende bleibt nur noch ein kurzatmiger Erzähler, der die
Bruchstücke sammelte, bleibt "eine Stimme, die sprach, es war
unwichtig, wer erzählte, es kam darauf an, eine Stimme zu hören,
die eine Stimme, die die Erinnerung war".
Diese Stimme, Fortes Stimme gewinnt hier, auf der anderen Seite
der Welt, beeindruckendes Volumen, betörenden Klang. VOLKER HAGE
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*Die Kritik aus dem SPIEGEL vom Oktober 2004 ist nicht ganz neu, aber nicht angestaubt. Inzwischen hat Dieter Forte am 7.März 2013 ein neues Buch veröffentlicht.
http://www.fischerverlage.de/buch/das_labyrinth_der_welt/9783100221186
http://www.amazon.de/Das-Labyrinth-Welt-Ein-Buch/dp/3100221184
Manfred Spies