Donnerstag, 9. Februar 2012

Thailand-Party

Eine Gartenparty in Thailand

Wenn man in europäischen Breiten bei mildem Wetter - was es ja geben soll - zu einer Party im Freien einläd, gibt es leckeres Essen und zum Trinken meist Kaltes mit mehr oder weniger Prozenten. Es wird Musik gehört und fast immer dazu getanzt. Außerdem wandert man herum, sitzt mal bei dem Freund oder der Freundin, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, geht der Exfrau aus dem Weg und ruft lange nach Mitternacht ein Taxi.
In Thailand ist Manches ähnlich aber Vieles ganz anders.

Auf einer meiner letzten Gartenpartys in Düsseldorf waren auch ein paar Promis. Die Bürgermeisterin von Düsseldorf, Gudrun Hock, war unsere Trauzeugin und Ross Feltus, der bekannte Fotograf und Vater der Exfrau von Boris Becker war mein Freund. Und Bodygards brachte keiner mit.


In Thailand läd man VIPs ein, damit man damit angeben kann. In Thailand läd man sowieso ein - am besten wahnsinnig viele Personen - weil das Image damit aufpoliert wird. Mir kann doch keiner erzählen, dass die über 500 Personen auf der Hochzeit in unserer Nachbarschaft alle enge Verwandte und Freunde des Paares waren. Das war bei unserer Thai-Hochzeit ja ähnlich. Nachdem ich fast im Streit die Gästezahl von 250 auf „nur“ 100 reduziert hatte, waren dabei mindestens 50 Personen, die ich nie im Leben noch einmal sehen werde. Das ist Thai.
Hochzeit in der Nachbarschaft mit der typischen Neonbeleuchtung, großer Bühne und vielen Gästen.
Meine Familie wollte zur Fertigstellung des Hauses einladen. Sie baten 40 Personen zur Party und ich lud noch 10 deutsch sprechende Gäste dazu ein. Gekommen sind 72 Personen, die auf der Straße flanierenden Bodygards der VIPs nicht mitgerechnet. Ich war verblüfft. Nur 72 Personen? Normalerweise bringen die Thai jede Menge nicht eingeladene Gäste zusätzlich mit. Das war ja ne richtig popelige Fete!

Aber vorher kamen am Morgen neun Mönche, um das Haus vor bösen Geistern zu schützen und uns Glück, Wohlstand und Gesundheit zu bringen. Nachdem sie ordentlich bezahlt worden waren, tafelten die Mönche an einem sehr reichhaltig gedeckten Tisch, und zwar nur sie. Bedient wurden sie andächtig, geradezu devot in gebückter Haltung ausschließlich von der männlichen Verwandtschaft.

Frauen dürfen Mönche nicht berühren und halten sich in Entfernung auf
Was die Mönche nicht aufgegessen hatten, wurde anschließend von den gläubigen Laien verpinselt.
Das Essen der Party kam von einem Restaurant, das auch die 10-Personen-Tische und Stühle lieferten. Da in Thailand alles auf Show ausgerichtet ist, mussten die Tische und Stühle weiß bezogen und mit goldenen Bändern drapiert aufgestellt werden. Für uns Ausländer stellte ich bewußt die aus Düsseldorf mitgebrachten Biergartenmöbel ohne Tischdecken und anderem Firlefanz auf. Meine weitere Aufgabe bestand in der Organisation und der Bereitsstellung von Technik.
Die Thai-Tische könnte man auf die 16 Meter lange Terrasse stellen. Da war genug Licht, die Restaurantküche war nebenan positioniert und der Weg zu den Toiletten war nicht weit. Wir Farangs sollten im Gartenhaus sitzen.

Am Tag vor dem Fest fragte ich so nebenbei nach der Art und Größe der Tische. Die Antwort per Telefon warf alle Planungen um. Unsere Terrasse hat eine Breite von 3 Metern, die Tische sind rund und benötigen incl. Stühlen mehr als 3,50 m Durchmesser.
Kein Problem, sagte meine Verwandschaft. Dann kommen die Tische auf den Rasen. Leider war für den Abend der Party Regen angesagt. Ich beruhigte die Gemüter: In den letzten Monaten war so oft „starker Regen“ für Pakchong angesagt. Aber geregnet hat es immer woanders.

Leider gab es aber ein wichtigeres Problem: Sollen die Leute in der Finsternis des weiten Gartens ihr Essen löffeln und ihr Bier schlürfen? Es gibt außer im Gartenhaus und am Baumplatz keine Beleuchtung. „Das macht das Restaurant, die haben sicher Spots,“war die Antwort meiner Frau.
Normalerweise sollte man die perfekt unorganisierten Thai vor die Wand rennen lassen, damit sie lernen und es danach besser machen. Konfliktstrategie innerhalb eines Change Managements nennt man das bei BWLern. Aber ich wollte ja nicht, dass das NÄCHSTE Fest gut wird, sondern die Party JETZT perfekt klappt. Also beauftragte ich Luck, bei dem Restaurant nach der Beleuchtung zu fragen. Die Antwort kam am Vormittag der Party: Keine Beleuchtung. Ja Freunde, so ist das im Land des Lächelns, da vergeht einem das Lachen!!!

In meiner Werkstatt fand ich vier 3m-lange Regalschienen, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte. Dazu entsprechende Träger zum Einklinken in beliebiger Höhe. Drei der Schienen rammte ich in die Erde, verlängerte sie mit der letzten Schiene auf 4,50 Meter Höhe, bohrte Löcher in die Stahlträger, klinkte sie entsprechend hoch ein und befestigte an ihnen zwei Halogenstahler und zwei Spots. Verlängerungskabel führten zu den Steckern. Die Lichtquellen ließen sich beliebig auf die Tische ausrichten, so konnte man die Teile des 9-Gänge-Menus auf den Tellern finden. Eine Problemlösung innerhalb von drei Stunden. Buddha sei Dank.

Um ein wenig dezente Partymusik zu haben, wollte ich einen im Lager befindlichen Teil meiner Bose-Boxen auf die obere Terrasse stellen und fünf ausgewählte CDs am Abend abspielen (Cocker, Sting, Hooker, Cohen, Reed, Springsteen und etwas Pavarotti und World-Musik). Meine Verwandtschaft sagte, das sei nicht nötig. Es kommt ein Freund des Hauses mit einer Anlage mit CD-Player und einem Mikrophon, denn wir sollen ja auch ein paar Worte zu den Gästen sagen. Na prima.

Der Freund des Hauses war ein Disc-Jokey, der mit seiner Truppe und enormer Technik anrückte. Sie bauten im Garten sieben (!) mannshohe Lautsprecher auf und auf dem Baumplatz wurde die ganze Technik nebst perfektem Karaoke-Internet-Zugang installiert. Dem  DJ gab ich meine CDs und erklärte, dies sei ein ungewohnliches Thai-Fest, ohne laute Musik und nur internationale Rock-, Pop- und Folkmusik. Sie sollten sich entspannt an die Tische setzen und mit uns essen und trinken. Sie lächelten, spielten einige der CD-Stücke und zogen dann in der Lautstärke eines Rockkonzertes ihr volles Programm durch. Es gab etliche Gäste, die sich später fluchtartig auf den Baumplatz HINTER die Boxen flüchteten. 

Ein Boxenpaar neben einem Gast, der kein Liliputaner ist.
Hieraus erkennt man Zweierlei:
1. Empathie ist in Thailand ein völlig unbekannter Begriff. (Deine Bedürfnisse interessieren mich nicht!)
2. Lautstärke ist alles, verzerrte Töne werden nicht wahrgenommen, Quantität ist Qualität. Das ist Thai.

Unser Nachbar Manfred Sommerkamp erklärte mir, dass er bei manchen Festen, die in 1km Entfernung stattfinden, glaubt, die Band spielt hinter seiner Gartenmauer.
Als ich am nächsten Tag meine Hunde zum Spaziergang rief, reagierte keiner. Die waren total kaputt und hatten offensichtlich einen Hörschaden.

Nachdem bei Patybeginn um 18 Uhr die Tonwerker meine Lichtanlage gesehen und bestaunt hatten, trauten sie sich nicht, mich zu fragen, ob ich noch weitere Spots hätte. Die Profis hatten die Beleuchtiung der eigenen Karaoke-Bühne zu Hause vergessen. Das ist Thai. (Die Karaoke-Fotos wurden alle mit Blitz gemacht.)

Im Laufe des Abends sang so ziehmlich alles, was an VIPs und Normalos anwesend war. Dabei war kaum zu unterscheiden, ob garade eine Frau oder ein Mann sang. Die meisten männlichen Singenden in Thailand haben Stimmchen, als wenn sie als ehemalige Mitglieder der Wiener Sängerknaben frühzeitig kastriert worden wären. Stimmen, die man als Mezzosopran, Bariton oder Alt einstufen könnte - von Bass ganz zu schweigen - habe ich auch im Radio noch nie gehört.
Aber versöhnlich fand ich, dass angefangen vom Politiker über Juristen, Polizisten, General bis zum Lehrer und Eisverkäufer alle sehr schön und vor allem richtig sangen. Ausnahmen gab es auch, aber ich fand die Karaoke-Darbietungen erstaunlich gut. Der Bruder von Luck, ein in Udon Thani stadtbekannter Intellektueller, jodelte sogar! Der prominenteste Politiker war auch gleichzeitig der beste Sänger und Moderator. Er animierte die Gäste, machte Witze und brach ein Tabu, indem er unter dem Jubel der Gemeinde Luck und mich auf die Bühne zu einem Küsschen bat. Öffentliches Küssen ist in Thailand immer noch tabu.

Der Biervorrat von 60 Flaschen war nach zwei Stunden weggetrunken. Die Promis spendierten bis 23 Uhr immer wieder Nachschub, aber Betrunkene habe ich keinen Einzigen gesehen.

Was war anders, als ich es gewohnt bin? Lockere, dem Klima entsprechende Kleidung bevorzugen die Ausländer. ThailänderInnen machen sich fein. Auf Thai-Feten wird nie von den Gästen das Tanzbein geschwungen. Aber gesungen wird hier immer, in Deutschland nur im Karneval oder auf dem Oktoberfest, dann aber gegröhlt. Partys, deren Musik man mindestens drei Kilometer weit hört, sind gelungen. Man sitzt wie festgeklebt an seinem festlich hergerichteten Tisch, flanieren und wild die Plätze wechseln, um mir anderen zu quatschen, gibt es nicht.

Es war anders, aber schön. Die Einträge im Gästebuch zeigen, dass alle Gäste es ähnlich empfanden.



Luck und Manfred, 10.2.2012

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