Donnerstag, 26. August 2021

"This is Your Land...."

 

„This is your land…“


„Ich möchte am liebsten weg sein, und bleibe am liebsten hier.“

Diese Zeilen von Wolf Biermann formuliere ich nach zehn Jahren Thailand anders: „Ich möchte am liebsten weg sein, und bleibe gezwungen hier.“


- Ich bin gezwungen, weil ich wegen und mit meiner Frau hierher kam. 

- Ich bin gezwungen, weil ich das größte und schönste Heim meines Lebens hier habe, umgeben von einem riesigen Garten mit über 1000 gepflanzten Palmen, Obstbäumen, Sträuchern und Blumen.

 - Ich bin gezwungen, weil ich meine wunderbaren Sachen, Bücher, Filme usw. alle hierhin mitgebracht habe. 

- Ich bin gezwungen, weil ich mit 80 krank und nicht mehr so beweglich für einen Wechsel bin.


Ich kam als Unwissender in das Land des angeblichen Lächelns und weiss heute, was hier alles verlogen ist. Ich weiss um die Sorglosigkeit, mit der die Thailänder mit ihrer Natur und mit dem Leben insgesamt umgehen. Ich wusste nicht, dass es hier außer in den dreckigen Metropolen keine Theater, keine Filmkunstkinos, keine Museen für moderne Kunst, keine Opernhäuser, keine Bibliotheken, keine Konzertsääle gibt. Okay, wer sich nur für Fußball interessiert, wird einigermaßen bedient. Und dass es kein Miteinander gibt wusste ich auch nicht. Wie froh und glücklich war meine Frau Luck in Düsseldorf, als wir zusammen in vollen Biergärten saßen und fremde Menschen neben uns mit uns begannen zu reden und zu lachen. Als wir im Sommer auf der Ratinger Straße im Menschengewühl nachts standen, frage Luck, "Was machen die Menschen da?" Die trafen sich nicht zum Abendessen, sondern zum Quatschen und Trinken. Das kannte sie nicht.

Ich kannte nicht, dass man in Thailand - vor allem in Schulen . keine Fragen stellt. "Das ist unhöflich. Der/die Gefragte könnte es nicht wissen und verliert sein Gesicht." Ich hatte von Hierarchien auch in Familien gehört - der Großvater entscheidet über ja oder Nein zum Ehewunsch der Enkelin  - aber dass auch heute in den Schulen und Gymnasien die Schüler ihr Heft auf Knien rutschend zum Lehrer bringen, wusste ich nicht. Und dass die für Ausländer wie Einheimische großartige Kultur für uns Farangs befremdlich sein kann, wenn man davon direkt betroffen ist, weis ich erst jetzt: Ich habe vielen Freundinnen meiner Frau und meinen Kumpels oft Geschenke gemacht, die emphatisch waren. Aus meiner Musiksammlung mit etwa 25.000 Titeln konzipierte ich speziell auf die Bedürfnisse der Beschenkten abgestimmte CD-Sampler, die ich mit meinen Geräten zusammenstellte. Dank durfe ich nicht erwarten.: Wenn man schenkt oder Gutes tut, macht man das für sich selbst - gutes Karma. man kann sich bei sich selbst bedanken!



Ich kenne jetzt den Smog und den Müll und den Dreck vor und in den Häusern. Ich kenne die Korruption, die das gesamte gesellschaftliche Leben durchfärbt. Ich lernte, dass man in Thailand in einem durch und durch repressiven Land politisch unterdrückt ist, keine Meinungsfreiheit hat und dazu auch seine Gefühle nicht zeigen darf. Es gibt in Schulen zwar Sexualkunde-Unterricht, aber über Lust wird nie gesprochen. Händchenhalten ist außerhalb von Großstädten das Äußerste an Zuneigung, das man zeigten darf. Küssen in der Öffentlichkeit ist untersagt und wird am Valentinstag sogar bestraft. 


Man muss nicht Psychologie studiert haben, um zu wissen, dass in einem dermaßen repressiven Klima Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Der enorme Druck der täglichen Repression wird mit Aggression, Alkohol, Drogen und Raserei im Verkehr kompensiert. Auch um das zu erkennen reicht nur eine Doppelstunde Psychologie in der VHS (Volkshochschule). 


Ich kam in ein Land mit 97% Buddhisten und habe eine so umfassende Abkehr von den ursprünglichen Lehren niemals erwartet. Ein Land schlägt Buddha mit der Regierungsfaust ins Gesicht!, wenn es die buddhistische Religion sogar in der Flagge verdeutlicht und die Todesstrafe praktiziert. Das tägliche Morden, Totschlagen und die Gewalt schockieren mich als Theravada-Buddhisten der alten Schule zutiefst.



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Wer seine Lust nicht frei erleben kann, wer durch permanente Anpassung und Sich-Ducken kein Selbstwertgefühl entwickelt, muss sich umbringen, wie ein geprügelter Hund durchs Dasein schleichen oder zum Überleben Übersteigerungen entwickeln. 

„Wir sind die Größten“ ist für die Thais hilfreich, Nationalismus kompensiert ebenfalls. Um auf dieser verlogenen Ebene zu bleiben, lässt man in Thailand den Tellerrand klein, interessiert sich nicht für das Andere und pflegt sein Inseldenken.

Wer in Thailand anderen - um Buddhas Willen niemals Handwerkern! - Tips gibt, hat schlechte Karten. Die Thais sind die Besten und Größten! 


Das wusste ich alles nicht, und das hat mir keiner der Expats gesagt, die uns hier haben wollten und die selbst zum Teil längst wieder nach Europa zurück gekehrt sind. Und meiner Frau fallen solche Sachen als Einheimische kaum auf. 

Das fällt ja auch heute den hier lebenden Expats kaum auf, weil sie auch früher in ihrer Heimat die Augen und Ohren nie weit aufgemacht oder sich kritisch eingemischt haben. 

Wir alle klammern uns in dieser Realität an das „Jeden Tag genießen“, als ob wir das wie ein Mantra zum Überleben brauchten.


Ja, ich möchte lieber weg sein, dahin, wo man Demokratie nicht als ein Übel betrachtet, dahin, wo es Freiheit nicht nur in Chart-Hits geträllert gibt, dahin, wo zur Kultur ein Miteinander, Singen und Tanzen, abends bis Mitternacht auf den Straßen zusammen sitzen gehören. Dahin, wo es weniger Lüge und mehr Frieden gibt. 

„Das sind Träume!“ höre ich es rufen. „Dann hau doch ab“! höre ich es grölen.


"This Land is Made Not for Me." 


Manfred Spies, 26.August 2021


(Die aufwendige Doku mit etwa 80 Bildern darf man sich in Ruhe ansehen.Das ist natürlich nicht alles aktuell. Meine Enttäuschung hat sich über Jahre entwickelt.)


Diese Regierung und die Journalisten:


https://www.spiegel.de/ausland/thailands-premier-besprueht-journalisten-mit-desinfektionsmittel-a-765f982b-c2ac-49f4-a82c-202d3529062b

































































Manfred Spies,

16.8.2021, Pak Chong / Nakhon Ratchasima 


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