Donnerstag, 13. Dezember 2018

Thailand - Open Air Galerie

Vergangenheit / Voraussetzungen
Im Herbst 1976 mietete ich erstmals in Düsseldorf eine Werbegroßfläche (5,-DM am Tag, minus Jahresbonus, das entsprach etwa einer Packung Zigaretten, also nicht viel für jemand, der sich öffentlich einmischen will.) Mit über 500 Realisationen in den folgenden Jahren hatte ich danach also Erfahrung mit diesem Medium. (s. Internet, "Denkanschläge")

Die Realisierungen waren extrem billig. Die Buchstaben schnitt ich aus schwarzem Papier, Tapetenkleister war nicht teuer. Als ich von reaktionären Bekloppten bei der CDU diffamiert, verfolgt und mit Ermittlungsverfahren traktiert wurde und die Stadt Düsseldorf die arbeitsintensiven Plakatierungen überklebte, griff ich mehrfach zum schnellen Gestaltungsmittel Spraydose.


Leider wurden meine Arbeiten nur aufgrund der Tatsache, dass sie kritisch waren,  angefeindet,  diffamiert und zensiert.

Die Spaydose war ein billiges und schnelles Gestaltungsmittel



Wegen dieses merkwürdigen Theaters und meiner auch illegalen Aktionen - ich überklebte in Düsseldorf 174 Großflächen mit R6-Werbunge „Ich rauche gern“- wurden auch überregionale Medien aufmerksam, die Tagesschau berichtete und es gab in den Jahren über 30 TV-Beiträge und Talkshows. 
Die Aktion gegen Reemtsma war Sachbeschädigung. Der Konzern drohte zwar, wagte aber kein Strafverfahren gegen mich. Sie wussten aus Talkshows, dass ich sehr gute Argumente hatte. Bei allein 56 krebserzeugenden Stoffen im Tabakrauch ist der Slogan "Ich rauche gern" idiotisch.
Talkshow 3nach9 neben der (damals) Kettenraucherin Margarete Schreinemakers

NATÜRLICH gab es auch Freunde, die mir manchmal viele Plakatwände ZUR VERFÜGUNG STELLTEN. Die spendierte ich mehrmals der Düsseldorfer Künstlerszene. UND WAS GESCHAH? Alle wollten mitmachen, auch solche Stars wie Jörg Immendorff. Und der Akademiedirektor Prof. Norbert Klicke schickte mir ein en Lobesbrief.

Situation in Thailand
2008 kauften meine Frau Luck und ich ein Grundstück in Pak Chong. An zwei Strassenseiten wurde eine Mauer gebaut. Die blöden, dekorativen Löcher an der Oberseite der Mauer liess ich später zumauern und strich die Wände so, dass viele große, weisse Flächen in grauen Rahmen entstanden. 
Da wurde 2008 unsere Mauer gebaut...

...die danach mit Bürgersteig versehen und gestrichen wurde.


Das Rolltor war nüchtern grau und die Wände waren einladend für Gestaltungen.

Die Wände luden ein zu Gestaltungen

Schon in der Planungszeit hatte ich die Idee, diese wunderbaren Malwände von Kreativen aus Thailand, von Kindern und auch von mir gestalten zu lassen. Ich machte Montagen und zeigte sie überall.

Ideenmontagen

Ideenmontagen

Ideenmontagen

Ideenmontagen

Ein Nachbar hatte ähnliche Pläne und schieb mit damals:-
„8. Juni 2008
Hallo Manfred
Ich habe es eigentlich ahnen muessen , dass Du mir mit deinen kreativen Gedanken schon weit voraus bist …Ich bin von deiner schoenen Mauer und den Ideen begeistert . Vielleicht werden die Schueler meiner Frau da mitmachen . Es kann sein , dass die Thais hier zu schwerfaellig sind in dieser Beziehung…Aber diese Sache kann man auch allein angehen oder eben gemeinsam mit denen , die mitmachen wollen und koennen . Wir koennen uns darueber unterhalten , wenn es soweit ist oder wenn ihr das naechste Mal kommt . Ich werde aber auch mit meiner Frau ueber deine Ideen sprechen , die Thais kennen die Thais besser als wir ….“

ABER anders als in Deutschland reagierten die Thai-Künstler desinteressiert, weil sie ihre Nasen in den Wolken haben obwohl sich keine international agierenden Galerien für ihre Malwerke interessiert.
Viel früher als Trump haben sie ihren uneingeschränkten Nationalismus und Patriotismus entdeckt und sagen: THAILAND FIRST, THAILAND THE BEST!
Entweder erhielt ich gar keine Antwort oder es wurden bescheuerte Honorarforderungen vorausgesetzt. Abgehakt!

Über meine Frau wurde der Kontakt zu Schule in unserer Nachbarschaft hergestellt. Ja, es besteht Interesse, dass die Schüler die Wände bemalen - in welcher Weise auch immer bei dem totalen Abhandensein von Kreativitäts- und Kunstunterricht. Aber nur gegen ein stattliches Honorar für die Kinder.

Die Pläne blieben also in der Schublade und auch wegen des allgemeinen Desinteresses vergaß ich meine Ideen. Man kocht keine ausgefallene, delikate Pasta für Leute, die nur an Thai-Nudelsuppe interessiert sind.

Aktueller Start
Unser leicht abschüssiger Car-Port erfordert beim Parken das Betätigen der Handbremse. Das vergaß ich. Der rückwärts rollende Wagen beschädigte vier der Rolltor-Teile. In meiner anschließenden Wut trat ich drei weitere ein. Also war eine Reparatur nötig. Aber auch ein Neuanstrich. DAS nahm ich zum Anlass, mir etwas Neues zu überlegen. 
Das Rolltor im Normal-Design

Das Rolltor nach der Renovierung mit Op-Art-Anstrich

Beginn einer Wandgestaltung daneben

Linienraster auf der Mauerfläche

Kinetisches Objekt auf der Mauerfläche: Die schwarzen Rohre vor dem Linienraster bewegen sich im Wind und außerdem entstehen optische Effekte durch die Bewegung des Betrachters.

Kinetisches Objekt, erstes Stück der Open-Air-Galerie


Und als dieser optische Effekt realisiert war, gab es für weitere Ideen keine Dämme. 
In meinem Archiv liegen hunderte Arbeiten, die man allerdings nicht alle auf einer Mauerwand realisieren kann. Die komplizierten Serigrafien sind da nicht machbar.

Arbeiten Ende der 60er-Jahre an der Folkwang-Schule in Essen







Schubladen
Meine Leidenschaft gehört nach wie vor den abstrakten Arbeiten. Konkrete Dinge, alles Anfassbare, kann ich fotografieren. Diese Welt ist überschaubar und endlich. Die abstrakte Welt ist unendlich und viel mehr offen für Neues und Kreatives. 
Was mit mir passiert, wenn ich ein Objekt oder ein Bild von Vasarely, von Soto, von Riley, von Mavignier oder anderen meiner Lieblinge sehe, löst etwas ganz anderes aus, als ein Wolkenhimmel oder ein Sonnenuntergang. Das alles lässt sich schwer beschreiben, man muss einfach offen sein. 

Ich habe Luck aus allen meinen Schubladen über 100 Möglichkeiten für die Mauergestaltungen gezeigt. Sie hat sich für kein Thai-Bild entschieden, für keine impressionistisch gemalte Thai-Landschaft, für keinen stilisierten Buddha. „Das kennen wir alles und das hat nicht so viel mit mir zu tun wie deine Linienbilder, deine Schneebilder oder deine Katzenbilder von „Felix“. Und wenn du mit dem dicken Pinsel auf die Wand hämmerst und ein abstraktes Bild entsteht, weiss ich sofort, ob du dabei schreist oder singst.“

abstrakt, ja was soll denn das bedeuten?

Ein politisches Thai-Bild mit Gelb/Rot und daneben unser Kater Felix.

Impressionistische Thai-Landschaften, die Luck nicht so toll findet.

In meinem Garten in Düsseldorf gab es eine hässliche Mauer, die ich ruckzuck mit dicken Pinseltupfern bemalt habe. Das werde ich auch hier an der Aussenmauer in Pak Chong machen, wo im Vordergrund Pflanzen und Blumentöpfe stehen. Denn da macht dahinter ein Bild keinen Sinn.


Ja, so einfach ist das mit den Schubladen. Und so einfach wäre es mit den Ansichten über Kreativität. (Was „Kunst“ ist, weiss sowieso keiner). Und diese immer wiederholte Frage bei abstrakten Arbeiten „Was soll denn das bedeuten?“ hat Picasso längst beantwortet: „Was soll der Gesang des Vogels bedeuten.“ Ja, was soll ein a-Moll-Akkord bedeuten? Und wie "anfassbar" sind Trauer, Liebe oder die Stimmung, die die Blicke in den Garten im Morgenlicht und in der Abendsonne auslösen?



Pläne? Vielleicht. 

Manfred Spies, Donnerstag, 13. Dezember 2018



Mittwoch, 5. Dezember 2018

Hochzeit in zwei Ländern

Am 5. Dezember 2006 heirateten wir in Düsseldorf in ganz kleinem Kreis. Trauzeugen war mein Freund Werner und die liebe Gudrun Hock, Bürgermeisterin meiner Heimatstadt.
Die Trauung auf dem Standesamt war so lustig und komisch, dass sich auch der Beamte köstlich amüsierte und freute.




Die Hochzeitsreise ging natürlich in den Schnee, den Luck vorher noch nie gesehen hatte.


Ein Jahr später heirateten wir in Udon Thani im Norden Thailands. Das war eine ganz andere Geschichte.
Wenn in Thailand geheiratet wird, müssen sehr viele Gäste da sein. Da ich in Thailand keine Verwandten habe, wurde alles eingeladen, was mir evtl, Freude machen würde: der Bürgermeister, der Uni-Direktor, ein Design-Professor, Künstler, Musiker und ein paar TV-Kollegen meines Schwagers, der eine eigene Sendung hat. Eigentlich sollten es 300 Leute sein. Ich habe es radikal auf die Hälfte reduziert. 
In allen Büchern über Thailand liest man, dass hier der äußere Schein mehr gilt als innere Werte. Das konnte ich damals nicht beurteilen. Nur fand ich den dekorativen Aufwand enorm. Und natürlich muss man all die Zeremonien, Rituale und mystischen Handlungen über sich ergehen lassen. 






Ich hielt eine Rede in Thai, die ich vorher wochenlang geübt hatte. Allen Anwesenden und besonders der besorgten Familie erklärte ich, dass ich beabsichtige, meine Frau sehr lange zu lieben. Zum Zeichen meiner ungefähren Liebesdauer überreichte ich Luck eine Bernsteinkette, Alter etwa 55 Miliionen Jahre. Der Scherz wurde verstanden und ich erhielt Applaus.



Alle Gäste bekamen eine Tafel deutscher Schokolade und ein Album mit sehr vielen Bildern, die mein Schwager in einer Tonbildschau vorführte und erklärte.
Es wurde gezeigt, unter welchen Umständen Luck mit mir in Deutschland lebt, was wir unternehmen, wie die Jahreszeiten sind, welche Feste wir feiern und was ich für einen Lebenslauf und was ich für eine Verwandtschaft habe. Hier nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Album (bei dessen Titeltext sich Luck vertan hat: wir heirateten nicht im November sondern im Dezember.)




Luck machte auch in Düsseldorf leidenschaftlich gern Gartenarbeit.

Düsseldorf hat den Rhein und sehr viele wunderschöne Parks. Das alles besuchten wir immer mit den Rädern.

Am Segelflugplatz schenkte ich Luck einen Rundflug. Das war wunderbar.


Jahreszeiten, wie es sie in Thailand nicht gibt.



Lieblingsblume


Am Heiligabend musste Luck in den Fitnesskeller, weil der Weihnachtsmann nicht gestört werden will. Ich musste oben bleiben, um ihm Werkzeug und etwas zu Trinken zu geben. Sie hat alles geglaubt und es war fantastisch.

Auch die Karnevalstage hat Luck sehr genossen


Zu meinem Lebenslauf gehört besonders für Thailänder, dass ich aus keiner reichen Familie komme, dass wir einen furchtbaren Krieg mit Ausgebomtsein und Flucht erlebten usw.. Also kein Geldesel im Keller!





Auch die Spies-Familie war nicht klein. Leider waren meine Cousinen nicht in meinem Alter.





In Udon-Thani war als krönender Abschluss natürlich eine Feier im Tempel angesagt. Als mich der Buddha im Tempelpark sah, musste er mitleidig lächeln. Meine Knie stundenlang auf dem Boden war der Horror, Schneidersitz kann ich nicht mehr machen. 



Es wurde viel Geld gespendet, der Mönch telefonierte ununterbrochen und die Besucher spielten an einen Glücksautomaten im Tempel. Ich war froh, als alles vorbei war.






Jetzt bin ich seit 12 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben verheiratet, und ich bereue es nicht. Es ist alles gut. Ich schnorchle nicht mehr 15 Meter tief, ich fahre mit dem Rad nicht mehr 50km schnell und ich repariere auch nicht mehr unser Dach. Aber ich bin froh, wenn ich in ein paar Monaten 78 werde, denn das hat mir kein Arzt prophezeit. Und das Glück, Luck getroffen zu haben, habe ich auch nicht erwartet.



Manfred Spies, 5. Dezember 2018